Foto: Birgit Haubner

Der CSD: Vielfalt leben – von der Parade bis zur Pflege

Wenn beim Christopher Street Day in München hunderttausende Menschen für Gleichberechtigung und Sichtbarkeit auf die Straße gehen, ist auch die MÜNCHENSTIFT mit dabei. Ihr Engagement reicht weit über den Paradewagen hinaus: Interkulturelle Öffnung, kultursensible Pflege und Projekte wie das Queer Quartier Herzog*in stehen für eine Haltung, die Vielfalt nicht nur feiert, sondern konkret verankert. Seit vielen Jahren begleitet die Einrichtung den von der CSD München GmbH organisierten Christopher Street Day – 2025 zum 46. Mal in München. Im Interview spricht CSD-Geschäftsführer Alex Kluge über Resilienz in herausfordernden Zeiten, politische Verantwortung und darüber, warum der CSD mehr ist als ein Fest: eine Menschenrechtsbewegung, die Solidarität und Haltung braucht – gerade jetzt.
Senioren auf CSD 2025

Foto: Birgit Haubner

„Dass sich hunderttausende Menschen verabreden, um die Vielfalt der Lebensweisen zu feiern, ist einfach fantastisch!“, freut sich Benjamin Ahrend (Leitung Stabsstelle Vielfalt) und spricht vom großartigen Gefühl, am Paradewagen dabei zu sein. Marcel Gitzen (Jugend- und Auszubildendenvertretung) beobachtet: „Dieses Mal waren neben Menschen aus der Community vor allem mehr heterosexuelle Männer und auch ältere Menschen dabei. Ich hatte den Eindruck: Sie kamen mit der Haltung ‚Jetzt erst recht!‘ Das hat mich sehr bewegt. Es ist großartig, dass die MÜNCHENSTIFT gerade jetzt Flagge für Vielfalt zeigt. Unser Unternehmen lebt von der Vielfalt – ohne sie könnten wir alle Häuser schließen. Wenn wir als interkulturelles Unternehmen nicht mitgehen, wer dann?“

Wieder dabei: Freude und Haltung zeigen!

Beim 26. Christopher Street Day war die MÜNCHENSTIFT wieder dabei. Neben einem Paradewagen mit Elektro-Musik fuhren zwei Rikschas mit Bewohner:innen mit. Am Infostand am Marienplatz informierten Mitarbeitende über die MÜNCHENSTIFT. „Ich finde es immer wieder spannend, mit den Menschen am Infostand ins Gespräch zu kommen“, erzählt Bernd Hawe (stellv. Leitung Marketing). „Gerade von jungen Leuten bekommen wir viel Anerkennung, dass wir das Thema Alter im Blick haben und dabei auf die Biografie queerer Menschen eingehen. Schön ist auch zu sehen, wie gut unsere vielfältigen Angebote ankommen – die einen wünschen sich eher einen geschützten Rahmen, die anderen ein ganz offenes Lebensumfeld.“

Der MÜNCHENSTIFT-Stand auf CSD 2025

Foto: Birgit Haubner

Resilient weitermachen

Alex Kluge ist seit 21 Jahren Geschäftsführer der CSD München GmbH, die 2025 den 46. Christopher Street Day ausgerichtet hat. Wie er dazu kam und was ihm wichtig ist, erzählt der 53-Jährige.

Porträt: Alex Kluge auf einer Couch mit dem Magazin "Prideguide" in den Händen.

Foto: VIOS Medien

Seit wann sind Sie CSD-Geschäftsführer und was tun Sie? Alex Kluge: 1993 begann ich meinen Zivildienst bei der Münchner Aids-Hilfe, ich arbeitete danach als Assistent weiter und später als Leiter Öffentlichkeitsarbeit und Fundraising. Thomas Niederbühl, der damalige Geschäftsführer und Stadtrat der Rosa Liste, prägte mich sehr. Zusammen mit den vier Vereinen – Aids-Hilfe, Sub, LeTRa (Lesbentelefon) und Rosa Liste – organisierte ich ab 2000 den CSD erst als lose GbR, 2004 entstand die GmbH, deren Geschäftsführer ich wurde. Der CSD versteht sich als Menschenrechtsbewegung und setzt sich ein für die rechtliche Gleichstellung und gesellschaftliche Akzeptanz von LGBTIQ* (lesbisch, schwul, bisexuell, trans*, inter, queer). Finanziert wird er über Eigenmittel wie Standplatzmieten, Teilnahmebeiträge, Sponsoring sowie öffentliche Förderung. Wie war Ihr persönlicher Hintergrund? Alex Kluge: Mit 18 hatte ich mein Coming-out. Davor fühlte ich mich als Außenseiter und war Mobbing ausgesetzt. Eine Psychotherapie und ein Schulwechsel halfen mir. Diese Erfahrungen haben mich geprägt – sie haben mich widerstandsfähig und konsequent gemacht. Die Begleitung von Thomas Niederbühl zeigte mir, wie man etwas bewegt. So habe ich meinen eigenen Weg gefunden: Menschen zusammenbringen, ermöglichen, rausgehen und mit Worten gestalten. Was waren besondere Herausforderungen und Highlights seit der Gründung? Alex Kluge: Die größte Herausforderung war Corona. Spontan entwickelten wir das Konzept für einen Livestream. Mit Videos von Vereinen und Unterstützern, Interviews und Künstlerbeiträgen. Zusätzlich gab es Infospots in der Innenstadt alle 30 Meter mit 3 Personen. Ein besonderes Highlight war 2003 die Einführung des RathausClubbings. Wir sind mit der Idee zum damaligen Oberbürgermeister Ude, der sich sehr für LGBTIQ* einsetzte. Er ließ sich das Konzept erklären und sagte dann nur: „Machen wir, aber geben Sie mir bitte das Rathaus wieder in einem Stück zurück.“ Das war ein cooler Moment. Wie gestaltet sich die Zusammenarbeit mit der MÜNCHENSTIFT? Alex Kluge: Wir kamen über das Modellprojekt der Stadt zur LGBTIQ*-Integration zusammen, für das sie sich seit Beginn engagiert. Seit 2014 nimmt die MÜNCHENSTIFT am CSD teil. Gleichzeitig supportet sie den CSD finanziell. Die Zusammenarbeit ist verlässlich und gut. Die Community schenkt dem Thema Alter bislang zu wenig Aufmerksamkeit. Statt es zu verdrängen, sollten wir es aktiv gestalten. Welche Herausforderungen haben dieses Jahr besonders geprägt? Alex Kluge: Wachsende Queerfeindlichkeit, der Kulturkampf von Trump gegen Vielfalt und grundsätzliche wirtschaftliche Unsicherheiten führten zu einem fünfstelligen Sponsoren-Ausfall. Parallel stiegen die Sicherheitskosten von 37.000 Euro vor Corona auf fast 200.000 Euro. Was lässt sich dagegen unternehmen? Alex Kluge: Aggression nicht mit Angst begegnen und sich nicht einschüchtern lassen, sondern weitermachen. Es ist wichtig, Netzwerke zu stärken, gemeinsame Erlebnisse zu schaffen und Beziehungen zu vertiefen – all das fördert die Resilienz. Gleichzeitig braucht es Wissen: über rechtliche Grundlagen, über Grenzen und Handlungsspielräume. Auch im Alltag gilt: aktiv sein, unterstützen und eingreifen – zum Beispiel, wenn in der U-Bahn jemand angefeindet wird. Wie geht es jetzt weiter? Alex Kluge: Ich gehe jetzt mehr in die Öffentlichkeitsarbeit – es bietet mir die Chance, Menschen zu begeistern und zum Kommen zu bewegen. Das große Ziel bleibt: den politischen Charakter des CSD im Auge zu behalten und gleichzeitig den CSD als Veranstaltung stetig weiterzuentwickeln: zu einer großen, bunten und inklusiven Feier der LGBTIQ*-Community zusammen mit allen solidarischen Münchner*innen.
Symbolbild "Unser Tipp" für Infokasten unter unseren Beiträgen

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