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Foto: Klinikum Bogenhausen

Wenn Muskeln und Sehnen schmerzen –
das Fibromyalgie-Syndrom (FMS)

Symbolbild Fibromyalgie

Foto: Kateryna/stock.adobe.com

Sprechstunde:

Eine Patientin, 58 Jahre, stellt sich mit ständig, sehr starken Muskelschmerzen vor, die häufig wechseln, mal von der Hüfte in die Schulter und dann in die Wirbelsäule usw. Selbst der Schlaf ist schlecht und vor allem morgens fühlt sie sich nicht ausgeruht, eher wie gerädert. Die mitgebrachten Laborwerte sind normal, und enthalten keine Hinweise auf Entzündungen. Ausserdem war sie bereits bei 5 Ärztinnen und Ärzten, die ihr bis jetzt keine Diagnose nennen konnten.
Zusätzlich füllte die Patientin einen Fragebogen aus und zeichnete die Schmerzorte ein. Zur weiteren Erläuterung erzählt sie in einem Gespräch über den Beginn der Erkrankung.

Therapievorschlag:

Aufklärung über die Krankheit des Fibro-Myalgie-Syndroms, die Aussichten und die möglichen Therapien.

Die Patientin erhielt folgenden persönlichen Therapieplan:

  • Psycho-Therapie zur Verarbeitung des Todes der Mutter
  • Elektrobäder (Stangerbäder) zur Verbesserung der lokalen Schmerzen
  • Arzneimittel zur Behandlung von Depressionen, zur Verbesserung des Schlafes
  • Walking 15 – 30 Minuten täglich, langsam, aufbauend (Erschöpfung soll vermieden werden)
  • Verordnung von Funktions-Training in der Gruppe

Beginn einer Psycho-Therapie konnte erst in 4 Monaten vereinbart werden, der Antrag auf ein Funktions-Training wurde zur Krankenkasse geschickt.

Elektrobäder wurden verschrieben; vermutlicher Therapiebeginn in ca. 3-4 Wochen.

Eine Wiedervorstellung in 4 Wochen, unter Einnahme des Antidepressivums und nach Beginn des Walking Programmes wurde vereinbart.

Befund:

Schmerzregionen am Ober-Körper, und im Beckenbereich; Schmerzstärke (VAS 0-10) bei 7, d.h. starke Schmerzen.
Der Beginn war vor 3 Jahren, da starb ihre Mutter, deren Tod die Patientin bis heute nicht verarbeiten konnte.
Ausserdem nimmt sie keine dauerhaften Medikamente, und hat auch keine bisherige Therapie. Ibuprofen 400 mg haben nicht geholfen.

DIAGNOSE:

Verdacht auf Fibromyalgie-Syndrom mit Erschöpfung und Ganzkörper-Schmerzen durch Tod der Mutter.

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Wissenswertes zum Fibromyalgie-Syndrom (FMS)

Chronische Schmerzerkrankung

Ein Fibromyalgie-Syndrom ist eine chronische, nicht-entzündliche Schmerz-Erkrankung, die sich durch Schmerzen in der Muskulatur und den Sehnen­ansätzen ausdrückt. Zusätzlich besteht eine weitgehende Übereinstimmung in der Grundlagenforschung, dass das FMS eine veränderte Störung im zentralen Nervensystem (Gehirn und Rückenmark) und keine Muskelerkrankung ist.

Wie viele Menschen leiden unter einem Fibromyalgie-Syndrom?

Laut einer US-amerikanischen Studie wurden bei zwei Prozent der Bevölke­rung die gesicherte Diagnose Fibromyalgie gestellt. Auf Deutschland bezo­gen sind dies mindestens 1,6 Millionen Betroffene. Anderen Schätzungen zu­folge sollen sogar drei bis fünf Prozent der Bevölkerung betroffen sein. Das Verhältnis Frauen zu Männern liegt bei neun zu eins. Der Erkrankungsbeginn liegt meistens im mittleren Lebensalter.

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Erschöpfung und Müdigkeit

Menschen, die an dieser Erkrankung leiden, berichten oft zusätzlich über Erschöpfung und Müdigkeit; sie fühlen sich morgens nicht ausgeschlafen, obwohl sie lange Stunden geschlafen haben. Kopfschmerzen, Reizdarm, Wassereinlagerungen, Schwindel, um nur einige zu nennen, kommen hinzu.

Schlafstörungen

Vor allem im Schlaflabor beobachtet man beim Fibromyalgie-Syndrom einen fehlenden oder seltenen Tiefschlaf (Delta Wellen im EEG). Damit erklärt sich die morgendliche Müdigkeit und Erschöpfung, obwohl die Menschen nachweislich geschlafen haben.

Depressionen und Panik-Störungen

Ausserdem erlebten Menschen mit einem Fibromyalgie-Syndrom überproportional häufig emotionale oder körperliche Gewalt in der Vergangenheit. Sie leiden deshalb unter depressiven Schüben, Angst- und Panik-Störungen.

Depressionen sind eine häufige Begleiterscheinung des Fibromyalgiesyndroms (Foto: Robert Kneschke/Fotolia.com)

Fibromyalgie-Syndrom und die Anerkennung der Krankheit

Da bis jetzt eine Ursache des Fibromyalgie-Syndroms unbekannt ist, haben Betroffene sowohl bei Ärzt*innen, aber auch in der Familie und am Arbeitsplatz Probleme ernst genommen werden, vor allem, wenn eine wiederkehrende Arbeitsunfähigkeit eintritt. Auch medizinisch gibt es bis jetzt keinen Beweis für diese Erkrankung, deshalb kämpfen die Betroffenen mit der Angst als eingebildete Kranke abgestempelt zu werden.

Ärztliche Besuche und Operationen

Deshalb suchen die Patient*innen in der Regel viele Ärzt*innen auf, bis einmal die Diagnose Fibromyalgie-Syndrom gestellt wird. Und nicht selten passieren sogar mehrfache Operationen, ohne das Krankheitsbild zu verbessern.

Aufklärung von Patienten*innen und deren Familie

Verständlicherweise sind die Patient*innen  erleichtert, wenn die Diagnose gestellt wird. Auch die Familienmitglieder erhalten eine Aufklärung über die Erkrankung. Stets sollte eine positive Nachricht an alle Beteiligten vermittelt werden: Denn es drohen keine schweren Komplikationen, Pflegebedürftigkeit oder ein vorzeitiger Tod durch diese Erkrankung. Außerdem erhalten die Patient*innen medikamentöse, physiotherapeutische, v.a. psychotherapeutische Unterstützung und eine Anleitung zur Selbsthilfe.

Ärztliche Diagnostik

Die Ärzt*innen bestimmen Laborwerte, (Schilddrüsen-, Stoffwechsel-Erkrankungen) und schließen damit rheumatische Grunderkrankungen aus. Zusätzlich erfasst der Arzt/die Ärztin Medikamente, deren Nebenwirkungen und die berufliche Situation der/des Patientin*en. Eine körperliche Untersuchung geht einer evtl. Bildgebung voraus, denn bei einer Fibromyalgie gibt es keine Labor- und radiologischen Veränderungen.

Wie wird das Fibromyalgie-Syndrom behandelt?

Die Behandlung der Fibromyalgie er­fordert ein umfassendes Behandlungs­konzept. Vor allem Ärzt*innen Physiotherapeut*innen, Psycho­therapeut*innen spielen dabei eine aktive Rolle.

Moderates Ausdauertraining, Muskelentspannung

Auch Studien zeigen, dass Schwimmen, Aqua-Gymnastik, Tanzen und Spaziergänge (kein Jogging!) die Fit­ness verbessern und dadurch Muskel­schmerzen und sogar Steifigkeit lindern. Besonders meditative Bewegungstherapie wie Tai-Chi, Qi-Gong, Yoga sind hilfreich. Zusätzlich empfiehlt man Entspannungsübungen, die erlernt werden. Ausserdem eignet sich dafür die Muskelentspannung nach Jacobson, denn sie läßt sich gut im Alltag anwenden.

Wassergymnastik können Muskelschmerzen und Steifigkeit entgegenwirken (Foto: Jenny Sturm/Fotolia.com)

Physikalische Therapie

Auch Wärme oder Kälte haben einen positiven Kurzzeiteffekt und können sehr gut zu Hause angewendet werden. Allerdings hat sich feuchte Kälte als negativ erwiesen. Besonders Lymph-Drainagen wendet man bei Schwellungen v.a. der Beine an.

Einige der Patient*innen sprechen positiv auf eine Ganz­körper-Kältetherapie (bei -110° C) an, und andere auf eine Ganzkörper­-Wärmetherapie, z. B. auf der Sandbank oder in der Infrarot­-Wärmekabine. Allerdings sind diese Therapieformen hauptsächlich nur in medizinischen Zentren und im Rahmen einer Tagesklinik erhältlich.

Auch sehr gut wirken Elektrobäder die in bestimmten klinischen Einrichtungen vorhanden sind. Eine Rezeptierung von 10 Behandlungen im 1/4 Jahr ist möglich.

Medikamente

Die Patient*innen erhalten vor allem Stimmungsaufheller, die zur Verbesserung des Schlafes und damit zur Muskel-Entspannung beitragen. Es wird leitliniengemäß rezeptiert. Muskelentspannende Medika­mente helfen nur vorübergehend und dürfen nicht dauerhaft gegeben werden. Selbst Cortison und sonstige Rheuma-Präparate sind nicht besonders hilfreich. Allerding können auch Medikamente zu Muskelbeschwerden führen; so schildern ca. 10% aller Patient*innen Muskelschmerzen unter einer Cholesterin-Therapie.

Cannabis-basierte Arzneimittel sind eine neue Behandlungsoption. Auch durch sie kommt es zu einer schmerzlindernden, schlafanstoßenden Wirkung.

Arzneimittel mit Cannabis haben schmerzstillende und antientzündliche Wirkung (Foto: Tinnakorn Jorruang/istockphoto.com)

Psychotherapie

Zur Krankheitsbewältigung ist eine gesprächstherapeutische Be­gleitung im Rahmen einer Psychotherapie notwendig. Kognitive/operante Verhaltens-Therapie erreichte gute Ergebnisse.

Seit 1999 wurden bereits über 3.000 Fibromyalgie Patienten behandelt. Die Behandlung erfolgt als 4‑wöchige (20 Behandlungstage, 5 Tage/Woche) teilstationäre Gruppentherapie. In kleinen Gruppen können Fibromyalgie Patienten Erfahrungen sammeln, üben, trainieren, Schulung und Information zum Umgang mit ihrer Erkrankung erhalten und sich austauschen. Das intensive Tagesklinik­-Programm wurde speziell für Fibromyalgie Patienten entwickelt.
Tagesklinik für Fibromyalgie – Klinik und Poliklinik für Orthopädie, Physikalische Medizin und Rehabilitation
LMU Klinikum Campus Großhadern, Marchioninistraße 15, 81377 München, www.lmu-klinikum.de/…

Deutsche Rheuma-Liga Landesverband Bayern e.V.
Bonner Platz 1, 80803 München, Tel. 089/30 95 42
www.rheuma-liga-muenchen.de
Fibromyalgie Verein Bayern e.V. Arbeitsgemeinschaft München
Esebeckstr. 17, 80637 München, Tel. 089/14 90 36 62
www.fibromyalgie-bayern.de

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